The Scrucialists - Wenn einer eine Reise macht...
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Riddim 03/05 |
The Scrucialists aus der Schweiz, bekannt u.a. als Backing Band für lokale Sänger wie Cali P, Phenomden oder Ras Charmer, aber auch für internationale Grössen wie Lone Ranger, Lady Saw oder King Django, haben sich einen Traum erfüllt und sind im Februar für ihr zweites Album mit eigenen Riddims und einer langen Liste mit Telefonnummern im Gepäck erstmals nach Jamaika geflogen. Was sie dort erlebt haben, erzählen sie selbst.
Schon von zuhause hatten wir versucht, einige Artists in Jamaika zu kontaktieren und deren Interesse am Voicen helvetischer Riddims zu erkunden. Allen voran Lady Saw, zu der wir seit unserer gemeinsamen Europa-Tour 2002 ein gutes Verhältnis pflegen. Doch Olli von Silly Walks hatte uns vorgewarnt: Nichts von dem klappte, was er von Deutschland aus organisiert hatte. Uns sollte es ähnlich ergehen. Die Riddims für unser Projekt hatten wir das ganze letzte Jahr über in unserem eigenen One Drop Studio gebaut. Bewaffnet mit 21 Instrumentals unterschiedlicher Styles und Machart waren wir bereit, es mit ganzen Heerscharen an Artists aufzunehmen. Spätestens beim Abflug mischte sich die Vorfreude allerdings mit einem komischen Gefühl in der Magengegend. Wie würden die Jamaikaner unsere Musik aufnehmen, würden sie uns höflich nickend mit einem "nice try, man" zur Tür begleiten oder "come back next year" fordern? Die dreistündige Schüttelfahrt von Mo' Bay quer über die Insel nach Kingston machte uns bereits mit einigen jamaikanischen Eigenheiten bekannt: So sind 45 Minuten beispielsweise eine eindeutige, aber sehr relative Zeiteinheit und die Hupe ein viel und freundlich benutztes Kommunikationsmittel. Auch den Umgang mit horrenden Preisen für angebotene Hilfsdienste lernten wir gleich kennen. In Kingston angekommen haben wir uns in den Hügeln auf Lady Saw's Anwesen einquartiert und sofort die ersten Leute auf unserem Wunschzettel angerufen. Um näher am Geschehen zu sein, sind wir nach ein paar Tagen von Lady Saw zu Jack Scorpio gezogen, der direkt über seinem Black Scorpio-Studio eine kleine Wohnung an Musiker vermietet. Bei ihm haben wir dann die nächsten zwei Wochen in sehr freundlicher Atmosphäre gewohnt und mit grosser Hilfe des riesigen Mannes mit den Aufnahmen begonnen.
Unsere erste Recording-Session hatten wir mit Lone Ranger, der sich am Tag zuvor in unserer Wohnung den Riddim angehört und sofort begonnen hatte, zusammen mit seinen Kumpanen Ray I und Sancho - ebenfalls Veteran-Deejays - einen Text zu schreiben. Wir hatten Lone Ranger gebeten, einen Song über die Rückkehr von Roots Music in die Dancehall zu schreiben. Dabei herausgekommen ist "One Drop Come Back", der den gestandenen Herren und uns einigen Grund zum Feiern gab. Die Aufnahme-Session selbst war dann ein wahres Erlebnis für uns als Musiker und Studio-Nerds. Nach dem Einrichten des Mics und des Computers - auch in Jamaika regiert inzwischen Pro Tools - waren wir bereit für die Aufnahmen. Ausser uns waren ca. zehn weitere, uns gänzlich unbekannte Leute anwesend, um Ranger bei der Arbeit zuzusehen. Eine Situation, an die wir uns zuerst gewöhnen mussten, denn in einem Kingstoner Studio ist nicht jeder nur ein Sänger, sondern gleichzeitig auch Produzent und Engineer. Als Jamaika-Neuling fühlt man sich gezwungen, nicht nur sich selber, sondern vor allem auch all den anwesenden Idlers klarzumachen, dass man durchaus weiss, was man will und wie man dahin gelangt.Der Aufnahme folgte wie bei jeder Recording-Session das Probehören, bei uns liebevoll "Abbrettern" genannt. Wir hatten gemeint zu wissen, was "laut" bedeutet, aber als dann Stretch, der Engineer und Sohn von Jack Scorpio, am Volumenknopf drehte, verzog sich die gesamte schweizerische Delegation zur Belustigung aller Anwesenden in die hinterste Ecke, um sich Ohrstöpsel in die Muscheln zu stecken.
In Jamaika "ungestört" ein Album zu produzieren ist praktisch unmöglich. Kaum hat es sich herumgesprochen, dass ein paar Leute aus Europa Artists voicen, werden aus Besuchern Dauergäste. Man kommt sich vor wie Dieter Bohlen - Reggae-Casting mit allen Höhen und Tiefen. Wir hatten uns vorgenommen, jedem ein offenes Ohr zu schenken, was sich aber schlicht als zu anstrengend herausstellte. So sind wir einem weiteren Tipp von Olli gefolgt und haben jedem Artist, der uns bedrängte, unsere Sängerliste unter die Nase gehalten: "We come back to you later." Keine Frage, viele der jungen unbekannten Artists sind sehr gut. Lionface zum Beispiel, ein junger Singjay, der ganz in der Nähe von Scorpioís Studio wohnt und von dem man hoffentlich noch einiges hören wird, hat einen beachtlichen Song für uns aufgenommen. Wenn man aber jeden anhören will, der einem von seinen Gesangskünsten vorschwärmt, muss man weit mehr als unsere knappbemessenen drei Wochen einplanen. Erstaunlich war auch, dass ein paar Europäer nicht nur upcoming Artists, sondern auch bekannte Namen anlocken. Pinchers wohnt einige Strassen weiter um die Ecke. Der grosse Sänger aus den 80ern war definitiv einer der coolsten, lockersten und humorvollsten Typen, denen wir in Jamaika begegnet sind. Pinchers schreibt regelmässig Texte für aktuell angesagte Artists, bei denen, wenn er sie einmal vom Stapel lässt, kein Auge trocken bleibt. Pinchers ist nach wie vor ein exzellenter Sänger und Vokalarrangeur. Bei einer Dub Plate-Session mit Ninjaman zeigte sich ausserdem, dass er auch der ideale Mann für eine Combination ist. Da musste nur noch Lennart vom Hamburger Ital Acoustic Sound mit einem breiten Grinsen im Gesicht erzählen, dass er eine Verabredung mit Burro Banton habe. "Gab's je eine Combination mit Pinchers und Burro? Nein?" Riddim aussuchen (unsere Hommage an den "Joyride") und für beide auf CD brennen, am nächsten Tag ins Studio und fertig ist "Cross The Board".
Eine einheitliche Arbeitsweise sucht man bei jamaikanischen Künstlern vergebens. Einige möchten den Riddim, den es zu voicen gilt, einen oder mehrere Tage vor der Aufnahme-Session und kommen dann bestens vorbereitet mit fertigen Lyrics, Melodien und Harmonies ins Studio, andere kommen mit losen Ideen und weitere schreiben ihren Text on the spot. Lutan Fyah beispielsweise, der sich einen langsamen Fünfminuten-Riddim ausgesucht hatte, blies uns gelinde gesagt weg. Wir hatten ihn ja schon länger hoch geschätzt, aber er kam perfekt vorbereitet ins Studio und hatte seine Arbeit nach 90 Minuten zur Zufriedenheit aller beendet, was selbst einen Jack Scorpio zu Lobeshymnen hinriss. Egal wie die einzelnen Artists arbeiten, sobald sie erfuhren, dass wir die Riddims produziert und auch selbst eingespielt hatten, waren sie offen für jede Art von Kritik, Anregungen und Änderungsvorschläge. Für uns nicht selbstverständlich, schliesslich hat ein Mykal Rose schon mit ganz anderen Musiker- und Produzenten-Kalibern gearbeitet.
Als Jamaika-Anfänger waren wir besorgt, ob wir denn wirklich all die Leute erreichen würden, die im Vorfeld auf unserer Wunschliste standen. Eine völlig unbegründete Sorge, das Auftreiben von Telefonnummern war das einfachste der ganzen Reise. Doch eine Nummer, eben die von Mykal Rose, sollten wir über zwei Wochen lang nicht in die Finger bekommen. Drei Tage vor Abreise hatten wir es schon aufgegeben und wollten uns noch ein paar freie Tage in Kingston gönnen, als wir bei Red Stripe und Jerk Chicken in Scorpioís Yard sassen und uns an 25 Grad im Februar erfreuten, da kam ein älterer Herr zu uns und stellte sich als Earl Morgan von den Heptones vor. Er gesellte sich zu uns, erzählte Geschichten aus Studio One Tagen und von Tourneen inna Hinglan. Nebenbei erwähnte er, dass Sly & Robbie zur Zeit ein paar Strassen weiter im Cell Block Studio aufnehmen. So konnten wir unsere grossen Helden und Weggefährten von Mr. Rose aus Black Uhuru-Tagen nach dessen Nummer fragen. In knapp einer Viertelstunde kommt man über die Heptones und Sly & Robbie zu Mykal Roseí Nummer. Wie klein die Reggae-Welt doch ist, wenn man bedenkt, was für Auswirkungen diese Musik auf der ganzen Welt hat.
Zurück im One Drop Studio in Basel. Neben tollen Songs konnten wir auch einige zukunftsträchtige Connections mitbringen. So stehen im Sommer Konzerte mit Lutan Fyah und Ward 21 in Aussicht. Die Reaktionen auf unsere Riddims waren durchweg positiv, nicht zuletzt, weil im Moment live-gespielte Roots Riddims hoch in der Gunst von Artists und Publikum stehen. Jack Scorpio war so begeistert von unserem "Strollin'"-Riddim, auf dem wir Luciano und Mikey General aufgenommen haben, dass er ihn auf seinem eigenen Label herausbringen will. Aber nicht nur deswegen sind wir hooked on Jamaica. Neben der Suche nach einem geeigneten Label für das eben produzierte Album gibt es derzeit schon Pläne für einen weiteren Longplayer, diesmal mit nur einem Sänger.






